Ich Habe Nun Den Grund Gefunden


Ich habe nun den Grund gefunden,
der meinen Anker ewig hält.
wo anders, als in Jesu Wunden?
Da lag er vor der Zeit der Welt:
den Grund, der unbeweglich steht,
wenn Erd und Himmel untergeht.

Es ist das ewige Erbarmen,
das alles Denken übersteigt:
es sind die offnen Liebesarmen
deß, der sich zu dem Sünder neigt,
dem allemal das Herze bricht,
wir kommen oder kommen nicht.

Wir sollen nicht verloren werden;
Gott will, uns soll geholfen sein:
deswegen kam der Sohn auf Erden
und nahm hernach den Himmel ein;
deswegen klopft er für und für
so stark an unsre Herzens Thür.

O Abgrund, welcher alle Sünden
durch Christi Tod verschlungen hat!
Das heißt die Wunde recht verbinden;
hier findet kein Verdammen statt,
weil Christi Blut beständig schreit:
Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!

Darein will ich mich gläubig senken,
dem will ich mich getrost vertraun;
und wenn mich meine Sünden kränken,
nur bald nach Gottes Herzen schaun:
da findet sich zu aller Zeit
unendliche Barmherzigkeit.

Wird alles Andre weggerissen,
was Seel und Leib erquicken kann;
darf ich von keinem Troste wissen
und scheine völlig ausgethan;
ist die Errettung noch so weit:
mir bleibet doch Barmherzigkeit.

Beginnt das Irdische zu drücken,
ja, häuft sich Kummer und Verdruß,
daß ich mich noch in vielen Stücken
mit eitlen Dingen mühen muß:
werd ich auch ziemlich sehr zerstreut,
so hoff ich auf Barmherzigkeit.

Muß ich an meinen besten Werken,
darinnen ich gewandelt bin,
viel Unvollkommenheit bemerken,
so fällt wohl alles Rühmen hin.
Doch ist auch dieser Trost bereit:
ich hoffe auf Barmherzigkeit.

Es gehe mir nach dessen Willen,
bei dem so viel Erbarmen ist;
er wolle selbst mein Herze stillen,
damit es dies nur nicht vergißt.
So stehet es in Lieb und Leid,
in, durch und auf Barmherzigkeit.

Bei diesem Grunde will ich bleiben,
so lange mich die Erde trägt.
Das will ich denken, thun und treiben,
so lange sich ein Glied bewegt;
so sing ich einst in Ewigkeit:
o Abgrund der Barmherzigkeit.