Unsre Muden Augenlider


Unsre müden augenlieder
Schliessen sich jetzt schläfrig zu,
Und des leibes matte glieder
Grüssen schon die abendruh:
Denn die dunkle finstre nacht
hat des hellen tages pracht
In der tiefen see verdecket
Und die sterne aufgestecket.

Ach! bedenk, eh du gehst schlafen,
Du, o meines lebens gast,
Ob du den, der dich erschaffen,
Heute nicht erz¨¨rnet hast?
Thu, ach thu bey zeiten buß,
Geh, und fall ihm bald zu füß,
Und bitt ihn, daß er aus gnaden,
Dich der strafe woll’ entladen.

Sprich: Herr! dir ist unverholen,
Daß ich diesen tag vollbracht,
Anders als du mir besohlen;
Ja, ich habe nicht berracht
Meines amtes ziel und zweck:
Habe gleichfals deinen weg
Schändlich, o mein Gott! verlassen,
Bin gefolgt der wollust strassen.

Ach Herr! laß mich gnad erlangen,
Gieb mir nicht verdienten lohn,
Laß mich deine huld empfangen,
Sieh an deinen lieben Sohn
Der für mich genug gethan;
Vater! nim den bürgen an,
Dieser hat für mich erduldet,
Was mein unart hat verschuldet.

Sende, Herr, nach deiner treue,
Sende deine macht herab,
Daß mein banges herz nicht scheue,
Selbst des todes finstres grab,
Daß das übel, so bey nacht
Unsern leib zu fällen tracht,
Mich nicht mit dem netz umdecke,
Noch ein boser traum mich schrecke.

Laß mich, Herr! von dir nicht wanken,
In dir schlaf ich sanft und wohl,
Gieb mir heilige gedanken:
Und bin ich gleich sclafens voll,
So lß doch den geist in mir
Zu dir wachen fur und für,
Bis die morgenröth angehet,
Und man von dem bett aufstehet.

Vater droben in der höhe!
Dessen nam’ uns theur und werth,
Dein reich komm, dein will geschehe,
Unser brod werd uns beschehrt;
Und vergieb uns unsre schuld,
Schenk uns deine gnad und huld,
Laß versuchung uns nicht tödten,
Hilf uns, Herr! aus allen nöthen.