Wenn Einer Alle Kunst


Wenn einer alle Kunst
und alle Weisheit hätte,
wenn er mit Menschen- und
mit Engel-Zungen redte,
hätt aber sonst dabei
der wahren Liebe nicht,
so wäre doch vor Gott
damit nichts ausgericht’t.

Er wäre wie ein Erz,
das zwar sehr helle klinget,
sonst aber keine Frucht
und keinen Nutzen bringet;
es wär ein solcher Mensch,
ein solcher guter Christ,
wie eine schell, an der
kein Geist noch Leben ist.

Wenn er weissagen könnt
und hätte allen Glauben,
so daß er Wunderwerk
an Bergen, Blinden, Tauben
erwies, und hätte doch
der wahren Liebe nicht,
so wäre abermal
damit nichts ausgericht’t.

Wenn einer auch sein Hab
und alles Gut den Armen
hingebe, aber es
nicht thäte aus Erbarmen,
wenn er sich brennen ließ
und hätte nicht dabei
der Liebe, sag ich doch,
daß es nichts nütze sei.

Die Lieb ist langmuthvoll,
sanftmüthig und gelinde,
sehr freundlich Jedermann,
stets fertig und geschwinde
in Nöthen beizustehn,
die Liebe eifert nicht,
die Liebe siehet zu,
daß keinem Leid geschicht.

Die Liebe ist nicht stolz,
die Liebe hasset keinen,
sucht ihren Nutzen nicht,
sie rathet den Gemeinen,
die Liebe zürnet nicht
die Lieb hilft Jedermann
und wendet Schaden ab,
wo sie nur immer kann.

Die Liebe ist betrübt,
wenn unrecht wird gerichtet,
und freuet sich wenn man
der wahrheit fest beipflichtet:
die Liebe decket auch
des Nächsten Mängel zu,
verträget Alles gern
und liebet Fried und Ruh.

Ohn Argwohn glaubet sie
das Beste nur von allen,
sie hoffet Besserung,
wenn Jemand ist gefallen
in Sünd und Missethat;
hat sie gleich keine Schuld,
so leidet sie dennoch,
was möglich, mit Geduld.

Wenn dort die Wissenschaft
einmal wird ganz aufhören,
so wird die Liebe doch
sich fort und fort vermehren:
wenn Glaub und Hoffnung auch
vergehet mit der Zeit,
so bleibet doch die Lieb
in alle Ewigkeit.

Herr Jesu, der du bist
ein Fürbild wahrer Liebe,
verleihe, daß auch ich
am Nächsten Liebe übe,
gieb, daß ich allezeit
von Herzen Jedermann
zu dienen sei bereit,
so viel ich soll und kann.