Wo Ist Der Weg Den Ich Muss Gehen


Wo ist der weg, den ich muß gehen,
Wenn ich gen himmel kommen soll?
Wer ist nun so erbarmungs-voll,
Daß er mich solchen lässet sehen?
Sagt an, ihr wächter und ihr hirten!
Wo finde ich die rechte spur?
Ich fordre nichts, ich flehe nur.

Doch seyd ihr erwa blinde leiter,
So werde ich mit euch nicht gehn;
Auch so ihr pfleget am weg zu stehn
Wie seulen, und gebt selbst nicht weiter;
So kan ich mich euch nicht vertrauen,
Ich thäte gern gewisse tritt’,
Und möchte die fußstapfen schauen
Des der mich führt von schritt zu schritt.

Beweis’t ihr aber mit dem wandel,
Was ihr mit mund und fingern weis’t,
So seh ich, daß ihr seyd gereis’t,
Und schliesse bald mit euch den handel,
Ich folge euch, wie ihr dem wege
Borhero selbst gefolget seyd,
Ich trete ab vom falschen stege
Und aller ungerechtigkeit.

So saget nun, ob jener breite
Der rechte weg zum leben sey?
Ich seh zwar dort sehr viele frey
In lauter lust und lauter freude,
Doch glaub ich nicht, daß ihre seelen
In wahrer ruh und friede stehn;
Sagt ob sie nicht des ziels verfehlen,
Und zu der hölle schnell hingehn?

Ich traue dieser engen pforte
Und diesem schmalen wege mehr,
Ach! wenn ich nur auf solchem wär,
Und folgete dem lebensworte!
Ich seh zwar da viel dornen-hecken,
Hingegen wenig wanderer,
Doch laß ich mich zo bald nich schrecken,
Ists nicht der rechte weg? ja der.

Wen seh ich aber dort mit dornen
Gekrönt, und mit der cretuzes-last,
Die er so tapfer aufgefaßt,
Vor allen andern und von vornen?
Ist dieser nicht der fürst des lebens,
Der dieses weges meister ist?
Ach! sagst, ich frage nicht vergebens,
Ists nicht selbst mein Herr Jesus Christ?

Ja, ja; laßt uns auf ihn aflehen!
Er ists, der sehr getreue hirt,
Der uns auf rechter strasse führt;
Ich will ihm wie ein schaf nachtgehen:
Doch dring ich erst durch diese pforte
Der wahren herzens-busse ein,
Auch solt ich erst aus seinem worte
An ihn recht gläubig worden seyn.

Ach! ach, ich fühl die last der sünden,
Wie komm ich durch die enge thür?
Nimt Jesus nicht die schuld von mir,
Läßt er mich nicht erst gnade finden,
Trägt er mich nicht auf seinem rücken;
Zieht er mich nicht mit trost, und spricht:
Komm her, ich will dich recht erquicken;
So bleib ich lahm, und laufe nicht.

Jedoch ich glaube, daß er eben
Den creutzes-weg betreten hat,
Daß er sich selbst von Gottes gnad
Für mich zum opfer möchte geben;
Nehm ich ihn erstlich an zur gabe,
So weiß ich, daß ich ihn zugleich
Auch zum eremple wirklich habe,
Ists nicht so? sagts, ich frage euch.

So ists gewiß, wer Christum kennet,
Wie er uns zur gerechtigkeit
Und heiligung von Gott bereit’t,
Läßt ihn gar willig unzertrennet;
Doch nimt er auch die ordnung gerne
Mit allem fleisse recht in acht;
Und der ist noch von Jesu ferne,
Der aus ihm einen Mosen macht.

Verdienst bringt kraft dem grünen reden;
Vor wahrheit gehet gnade her:
Wenn Jesus nicht erst für uns wär,
So könt er auch in uns nicht leben:
Wo er nicht erst gestalt gewinnet,
Da wird man ihm nicht öhnlich seyn:
Sind wir ihm nicht erst gleich gesinnet,
So ist der wandel auch nicht rein.

Wohlan! ich will ihn recht ergreifen,
Wie ich von ihm ergriffen bin,
Ihr treibet, packet euch nur hin,
Ich geh den weg nun ohn unschweifen,
Ich solg dem lamme wo es gehet,
Weil es auch nimmer von mir weicht:
Witß ihrs nun, was mic treibet? sehet?
Dei liebe machet alles leicht.

Ich will dem vorbild seiner lehre
Ergeben und gehorsam seyn;
Was Jesus thut und lehrt, ist mein,
Ich leren, was ich seh und höre:
Ein beyspiel hat er mir gelassen
In sanftmuth, demuth und geduld;
Ich geh mit ihm die leides-strassen,
Denn mich erfreut nur seine huld.

Habt dank, ihr hirten und ihr wächtr,
Daß ich mir habt den weg gezeigt:
Je mehr sich nun der tag geneigt,
Je mehr ich höre das gelächter
Der spötter, die dort ewig heulen,
So mehr will ich, dieweil ich kan,
Auf diesem schmalen weg forteilen:
Ich geh mir euch, geht ihr voran.